Die bedeutende Rolle der Aktuarinnen und Aktuare im Zeitalter wachsender Komplexität der Finanz- und Versicherungswirtschaft
Aktuarinnen und Aktuare zeichnen sich durch eine umfassende Ausbildung, die konsequente Einhaltung berufsständischer Verhaltensnormen und ein kontinuierliches Engagement für Weiterbildung aus. Damit tragen sie nicht nur wesentlich zur Stabilität der Unternehmen bei, sondern fördern zugleich deren Innovationskraft. Besonders in zukunftsorientierten Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Datenanalyse und dem Management von Klimarisiken leisten sie wertvolle Beiträge, auch über das traditionelle Aufgabenspektrum ihres Berufsstands hinaus.
Die vergangenen Jahre waren in Europa und darüber hinaus von zahlreichen Unsicherheiten und Umbrüchen geprägt. Geopolitische Veränderungen haben sich in bislang kaum gekanntem Ausmaß beschleunigt und dabei häufig einen disruptiven Charakter angenommen. In der Folge haben sich erhebliche Auswirkungen auf die Volkswirtschaften der einzelnen Länder ergeben, wobei erhöhte Volatilitäten an den Kapitalmärkten nur eine von vielen Konsequenzen darstellen.
Insbesondere die Finanz- und Versicherungswirtschaft sieht sich vor vielfältige Herausforderungen gestellt. Sie muss nicht nur mit den zunehmenden Risiken infolge geopolitischer Entwicklungen umgehen, sondern auch weiterhin bereits bekannte Herausforderungen bewältigen. Hierzu zählen insbesondere der Umgang mit dem Klimawandel sowie die Entwicklung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Hinzu kommen regulatorische Weiterentwicklungen, wie sie aktuell beispielsweise im Rahmen von Solvency II oder der Wohlverhaltensaufsicht zu beobachten sind, die eine kontinuierlich intensive Auseinandersetzung erfordern. Langlebigkeit und demografische Entwicklungen runden die Beispiele weiter ab. Da all diese Themen in der Regel die gesamte Wertschöpfungskette der Unternehmen betreffen, steigt die Komplexität der Umsetzung und erfordert damit eine hohe Expertise der Mitarbeitenden, insbesondere auch im Hinblick auf die aktuariellen Aspekte dieser Fragestellungen.
Wachsende Verantwortung der Aktuarinnen und Aktuare in der Finanz- und Versicherungswirtschaft
Vor diesem Hintergrund setzt die Finanz- und Versicherungswirtschaft zunehmend auf die Expertise von Aktuarinnen und Aktuaren. Dabei wächst nicht nur die Zahl der in diesem Bereich Beschäftigten, sondern auch deren Verantwortung innerhalb der Unternehmen nimmt stetig zu. Ein sichtbarer Beleg hierfür ist, dass fachliche Diskussionen und Entscheidungen in Unternehmen heute ohne die Einbindung von Aktuarinnen und Aktuaren kaum mehr vorstellbar sind.
Die Übernahme aktuarieller Funktionen wie die des Verantwortlichen Aktuars, der Versicherungsmathematischen Funktion oder des Versicherungsmathematischen Sachverständigen gehört zu den klassischen Einsatzfeldern des Berufsstands. Darüber hinaus sind Aktuarinnen und Aktuare insbesondere in den Bereichen Produktentwicklung, Bestandsmanagement, Kapitalanlage, Datenanalyse und Risikomanagement tätig. Auch in der Beratung sowie in Aufsichtsbehörden wird auf aktuarielles Fachwissen gesetzt.
Die Exekutivdirektorin der Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht und Aktuarin, Julia Wiens, brachte dies in ihrer Rede auf der Herbsttagung der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) und der Deutschen Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik (DGVFM) treffend zum Ausdruck: „Ohne Aktuarinnen und Aktuare funktioniert keine Versicherung. Sie sind hochqualifiziert und spezialisiert. Sie leisten wichtige Beiträge zum Erfolg der Unternehmen, für die sie tätig sind.“
Berufsständische Prinzipien und kontinuierliche Qualifizierung als Garant für Vertrauen und Zukunftsfähigkeit
Die DAV stellt als berufsständische Vereinigung mit ihren Grundlagen und Anforderungen sicher, dass die Anerkennung und Bedeutung der Aktuarinnen und Aktuare heute und in Zukunft gewahrt bleibt. So verpflichten sich die Mitglieder der DAV bei Aufnahme in die Vereinigung, die Standesregeln der DAV zu befolgen. Diese formulieren verbindliche Vorgaben zur Ausübung des Aktuarberufs. Dadurch wird insbesondere ein fachlich einwandfreies und einheitliches Auftreten der Aktuarinnen und Aktuare gewährleistet, um das Vertrauen der Auftraggeber sowie das Ansehen des Berufsstands in der Öffentlichkeit zu festigen. Diese berufsständischen Verhaltensnormen tragen maßgeblich dazu bei, die Unabhängigkeit, Objektivität, Fachkompetenz und Integrität der Aktuarinnen und Aktuare bei der Ausübung ihrer Tätigkeit sicherzustellen.
Die Standesregeln gelten gleichermaßen für die Mitglieder des Instituts der Versicherungsmathematischen Sachverständigen für Altersversorgung e.V. (IVS). Zudem entsprechen sie den international anerkannten Berufsgrundsätzen, insbesondere denen der Europäischen Aktuarvereinigung (AAE).
Zur positiven Außenwirkung des Berufsstands trägt insbesondere auch die Verpflichtung der Aktuarinnen und Aktuare zur kontinuierlichen Weiterbildung bei. Sie stellen damit sicher, dass sie stets über den für ihre Berufsausübung erforderlichen, aktuellen Kenntnisstand verfügen.
Ausbildung, Verhaltensnormen, Fachgrundsätze und Weiterbildung bilden somit ein äußerst solides Fundament für den Berufsstand, um zukünftige Themenfelder kompetent und engagiert anzugehen. Die weiterhin hohe Nachfrage nach Aktuarinnen und Aktuaren zeigt dies eindrucksvoll. Bei der Bewältigung der kommenden Herausforderungen der Finanz- und Versicherungswirtschaft wird der Berufsstand daher besonders gefordert sein.
Die Rolle der Aktuarinnen und Aktuare im Zeitalter technologischer und ökologischer Transformation
Mit der fortschreitenden Digitalisierung werden die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle grundlegend überdenken und optimieren müssen. Im Zuge des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz wird die Integration neuer Technologien unerlässlich sein, um kosteneffizient und wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig gewinnt auch die Cybersicherheit zunehmend an Bedeutung, um interne und auch Kundendaten zu schützen. Auch die Validierung der neuen Modelle der Künstlichen Intelligenz ist ein wichtiges Einsatzfeld für Aktuarinnen und Aktuare, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse angemessen, richtig und ohne Bias sind.
In diesem Transformationsprozess werden Aktuarinnen und Aktuare eine zentrale Rolle einnehmen. Ihre Einsatzfelder sind dabei vielfältig: Risikobewertungen können mit neuen und präziseren Daten verbessert werden. Die Entwicklung und Granularität aktuarieller Modelle lässt sich mithilfe von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz optimieren, was auch bei der Validierung solcher Modelle zum Tragen kommt. Reportings für regulatorische Zwecke oder interne Anforderungen können unterstützt werden. Mit ihrer ausgeprägten Datenexpertise und ihrer hohen Methodenkompetenz ist der Berufsstand bestens geeignet, hier wertvolle Beiträge zu leisten. Im Bereich der aktuariellen Analyse von „Big Data“ verfügen Aktuarinnen und Aktuare bereits über umfassende Kenntnisse. Darüber hinaus bietet die DAV für ihre Mitglieder eine Weiterbildung zum „Certified Actuarial Data Scientist (CADS)“ an, um die Kompetenzen an der Schnittstelle von Datenverarbeitung, Datenschutz, Data-Science-Anwendungen und Programmierung sowie Künstlicher Intelligenz im Allgemeinen weiter zu spezialisieren. Zudem plant sie, ab 1. Januar 2026 das Fach „Data Science und KI“ als verpflichtendes Grundwissenfach einzuführen.
Eine weitere erhebliche Herausforderung für die Finanz- und Versicherungsbranche stellt das Management von Risiken im Zusammenhang mit dem Klimawandel dar. Aktuarinnen und Aktuare können beispielsweise durch die Modellierung von Naturkatastrophen und deren finanziellen Auswirkungen wertvolle Beiträge leisten, um angemessene Prämien und Rückstellungen zu kalkulieren. Auch die Analyse und Auswertung potenziell veränderter Lebens- und Gesundheitsdaten können mit geeigneten aktuariellen Modellen erfolgen. Dies dient insbesondere dazu, die Stabilität von Unternehmen frühzeitig zu bewerten, zu steuern und dauerhaft zu sichern
Fazit
Neben diesen beiden zentralen Zukunftsthemen wird die Finanz- und Versicherungsbranche noch zahlreiche weitere Herausforderungen zu bewältigen haben. Hierzu gehören insbesondere auch Auswirkungen der demografischen Entwicklung sowie von möglichen Unwägbarkeiten bei den Kapitalmärkten in den kommenden Jahren. Hierfür werden gut ausgebildete und kompetente Mitarbeitende benötigt. Für Aktuarinnen und Aktuare eröffnen sich mit ihrem herausragenden Profil vielfältige Einsatzmöglichkeiten und verantwortungsvolle Positionen. Das Motto der Deutschen Aktuarvereinigung „Wir rechnen mit der Zukunft“ ist dabei sowohl Programm als auch Versprechen.


