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Dr. Ursula Finger, Dr. Sandra Mittic, Prof. Dr. Jochen Ruß, Tilmann Schmidt, Dr. Olaf Schmitz, Dr. Simon Schnürch, Dr. Benedikt Schultze und Andreea Stauber | 23.03.2026 | DAV Journal
6 min Lesezeit

Abnehmmedikamente und ihre Auswirkungen auf die (gesunde) Lebenserwartung

Die Entwicklung neuer Medikamente hat wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen, die auch Versicherungen und Rentensysteme – und damit unmittelbar die aktuarielle Arbeit – betreffen können. In den letzten Jahren hat insbesondere die Popularität von Abnehmmedikamenten stark zugenommen.

Für ihre Wirksamkeit spielt ein körpereigenes Hormon namens Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) eine Schlüsselrolle. Es wird im Darm produziert und übernimmt eine wichtige Funktion im Blutzuckerstoffwechsel. Nach der Aufnahme von Glukose über die Nahrung stimuliert GLP-1 die Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse. Gleich zeitig wirkt es appetithemmend, was neben der gesteigerten Insulinsekretion auf eine langsamere Magenentleerung und eine appetitzügelnde Wirkung im Gehirn zurückgeführt wird (1). Aufgrund dieser Eigenschaften wird die Wirkung von GLP-1 therapeutisch sowohl bei Typ-2-Diabetes als auch zur Behandlung von Adipositas eingesetzt. In diesem Zusammenhang werden Medikamente wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro, die GLP-1 in seiner Wirkung ähneln, oft als Abnehmspritzen bezeichnet.

In präklinischen Studien konnte gezeigt werden, dass GLP-1 die Anzahl und Funktionalität von Mitochondrien in Körperzellen erhöht. Dies führt zu einer effizienteren zellulären Energieproduktion und einer verminderten Bildung schädlicher Abbauprodukte wie reaktiver Sauer stoffspezies (freie Radikale). Dadurch wird ein potenziell zellschützender Effekt erzielt. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass der Abbau von Körperfett zu einem Rückgang entzündlicher Prozesse führt. Beide Effekte werden mit einer Verlangsamung des Alterungsprozesses und damit einer Verringerung der Wahrscheinlichkeit des Eintretens verschiedener altersbedingter Krankheiten in Verbindung gebracht. Die positive Wirkung von GLP-1 geht somit potenziell über die direkten und indirekten Konsequenzen der Gewichtssenkung hinaus.

Forschungsstand: An GLP-1-ähnlichen Wirkstoffen wird seit Langem intensiv und umfangreich geforscht. An dieser Stelle werden für einen allgemeinen Überblick nur einige der relevantesten Ergebnisse zitiert.

GLP-1-Rezeptor-Agonisten (GLP-1-RA) imitieren die Wirkung von GLP-1. Sie sind derzeit zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas zugelassen. Darüber hinaus werden sie in zahlreichen klinischen Studien auf ihr Potenzial bei Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, chronischen Nierenerkrankungen und Gefäßalterung untersucht (2). Beobachtete positive Effekte sind die Senkung des Blutdrucks und der Blutfettwerte sowie eine gesteigerte Nierenfunktion mit Senkung der kardialen Belastung. Verschiedene Studien belegen eine kardioprotektive Wirkung durch eine Verbesserung der Pumpfähigkeit des Herzmuskels (3). Eine groß angelegte Vergleichsstudie (4) zeigte, dass GLP-1-RA im Vergleich zu anderen Diabetesmedikamenten das Risiko für verschiedene gesundheitliche Komplikationen senken können, jedoch möglicherweise auch mit Nebenwirkungen – insbesondere im Verdauungssystem – einhergehen. Zudem belegen mehrere klinische Studien eine signifikante Reduktion des Körperfetts durch eine GLP-1-RA-Therapie. Bereits 2018 zeigte die SUSTAIN-Studie eine deutliche Gewichtsabnahme, auch bei Probanden ohne Diabetes.

Inzwischen sind auch Medikamente verfügbar, die zusätzlich die Wirkung des Hormons GIP (Glukoseabhängiges Insulinotropes Polypeptid) nachahmen, die der von GLP-1 ähnelt. Der Einfachheit halber werden diese Medikamente hier unter dem Begriff GLP-1-RA subsumiert. Möglicher Impact: GLP-1-RA haben in den letzten Jahren durch prominente Fürsprecher und Social Media breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt, insbesondere aufgrund ihres (Off-Label-)Einsatzes zur Gewichtsreduktion, was zu globalen Lieferengpässen führte. Sie sind damit längst über die Diabetestherapie hinaus in der Gesellschaft angekommen. Während belastbare Zahlen zum Einfluss auf die Lebenserwartung noch fehlen, deuten Studien auf ein großes Potenzial bei der Prävention mehrerer altersassoziierter Erkrankungen hin. Dies ist ein Indiz, dass GLP-1-RA beispielsweise durch ihre positiven Auswirkungen auf entzündliche Prozesse den Alterungsprozess verlangsamen könnten.

GLP-1-RA bieten also nachweisliche und potenzielle Vorteile, die dazu beitragen können, das Risiko für schwere, chronische und altersbedingte Erkrankungen zu reduzieren und möglicherweise die gesunde Lebenserwartung zu erhöhen (5). Allerdings sind die Wirkung von GLP-1-RA auf Menschen ohne klare medizinische Indikation zur Therapie sowie ihre langfristige Sicherheit und Effektivität bisher nicht ausreichend untersucht. Gegen einen hohen Impact von GLP-1-RA spricht, dass zum langfristigen Erhalt der Wirksamkeit wohl eine kontinuierliche Anwendung notwendig wäre, da sich im Schnitt ein bis zwei Jahre nach Beendigung der GLP-1-RA-Therapie sowohl das Gewicht als auch Marker der kardiometabolischen Gesundheit wieder auf ihr Ausgangsniveau zurück entwickeln (6). Wie alle Medikamente haben GLP-1-RA jedoch mögliche Nebenwirkungen. In den Vereinigten Staaten sollen gegen das Pharmaunternehmen Novo Nordisk über 1800 Gerichtsverfahren wegen angeblicher Nebenwirkungen der Präparate Ozempic und Wegovy anhängig sein (7). Beide Medikamente machten bereits wegen nachgewiesener schwerer Sehstörungen als Nebenwirkung Schlagzeilen (8). Auch die hohen Kosten (s. u.) können dazu führen, dass Anwender die Medikamente absetzen. In Studien beendete etwa die Hälfte der Nutzer die Therapie mit GLP-1-RA binnen weniger Jahre (9). Inzwischen können erste GLP-1-RA als Tabletten statt wie bisher als Spritzen verabreicht werden, was die Bereitschaft zur dauerhaften Einnahme erhöhen könnte.

Auch aufgrund der derzeit hohen Abbruchrate erfordert nach aktuellen Einschätzungen die langfristige Wirksamkeit von GLP-1-RA zur Gewichtssenkung eine zusätzliche Änderung des Lebensstils (10), was die Auswirkungen auf Bevölkerungsebene begrenzen könnte.

Für die USA und Großbritannien werden in den nächsten zwei Jahrzehnten durch GLP-1-RA verursachte Sterblichkeitsverbesserungen der Gesamtbevölkerung von durchschnittlich 0,1 % bis 0,3 % pro Jahr erwartet (11). 

Ob und in welchem Umfang Verbesserungen tatsächlich eintreten, hängt auch stark von der künftigen Entwicklung der Abbruch rate ab.

 

Verfügbarkeit: GLP-1-RA wie Ozempic, Wegovy (beide Wirkstoff Semag lutid), Mounjaro (Wirkstoff Tirzepatid), Victoza und Saxenda (beide Wirkstoff Liraglutid) sind in deutschen Apotheken nur auf Rezept erhältlich und da durch für die Gesamtbevölkerung begrenzt zugänglich. Zudem sind diese Medikamente häufig von erheblichen Lieferengpässen betroffen, die die Verfügbarkeit einschränken. Die Kosten werden mit 300 Euro pro Monat angegeben (9). Diese werden für den alleinigen Zweck der Gewichtsabnahme derzeit von der Krankenversicherung nicht übernommen.

Andererseits werden in einigen Jahren die Patente für die ersten GLP-1-RA auslaufen, sodass mit der Verfügbarkeit günstigerer Generika zu rechnen ist. Es ist insgesamt davon auszugehen, dass diese oder zukünftig entwickelte Wirkstoffe besonders im Falle weiterer positiver Studienergebnisse eine breitere gesellschaftliche Durchdringung erreichen. Deren Ausmaß wird auch von der Entwicklung von Rahmenbedingungen wie Verschreibungspflicht und medizinischen Leitlinien abhängen.

Zeithorizont: Umfassende Auswirkungen dieser Medikamentenklasse auf die öffentliche Gesundheit sind in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren möglich (10). Zwar zeigen sich einige therapeutische Effekte bereits kurzfristig, doch dieser Zeitraum reflektiert die erwartete Dauer bis zu einer breiten medizinischen Anwendung und Integration in standardisierte Behandlungsprotokolle. Zudem verlängert die derzeit hohe Abbruchrate den Zeitraum, bis umfassende Auswirkungen zu beobachten sein werden.

Auswirkungen auf Versicherungen: Bei der Bewertung der Auswirkungen des medizinischen Fortschritts auf die Lebens- und Krankenversicherung ist zwischen der gesamten und der gesunden (d. h. frei von schweren Krankheiten verbrachten) Lebenserwartung zu unterscheiden. In der medialen Berichterstattung, beispielsweise in (12), wird dies nicht immer berücksichtigt und es werden primär die Folgen einer möglichen Steigerung der gesamten Lebenserwartung betrachtet. Es besteht jedoch gerade bei steigender gesunder Lebenserwartung die Möglichkeit einer Entlastung bei den Rehabilitations- und Krankheitskosten. Dies setzt voraus, dass neue Therapieansätze – beispielsweise durch eine langfristigere Wirkung – insgesamt zu geringeren Kosten führen als bisherige Behandlungsmöglichkeiten.

Das Einsparpotenzial in der Sozialversicherung verdeutlichen folgende Daten: Im Jahr 2023 hat die Deutsche Rentenversicherung Bund rund 7,64 Mrd. Euro für Rehabilitation aufgewandt (13). Auch die gesetzlichen Krankenkassen zahlten 0,67 Mrd. Euro für Kur- und Rehamaßnahmen aus (14). Bei den Krankheitskosten ist das Einsparpotenztial noch deutlich größer: Im Jahr 2020 wurde die gesetzliche Krankenversicherung allein durch Erkrankungen des Herz Kreislauf-Systems durch Kosten in Höhe von 34 Mrd. Euro belastet (15).

Die Höhe des Einspareffekts hängt in der Krankenversicherung wesentlich von den Kosten der neuen Therapieansätze ab, und im Allgemeinen auch von deren Effektivität und Akzeptanz. Personen, die keine Zivilisationskrankheiten haben, sind nicht auf Alters- oder Erwerbsunfähigkeitsrenten sowie auf stationäre oder medikamentöse Therapien angewiesen. In einigen Berufen ist es denkbar, dass Menschen durch eine Steigerung der gesunden Lebenserwartung auch über das reguläre Renteneintrittsalter hinaus erwerbstätig bleiben, z. B. durch einen späteren Renteneintritt oder durch eine berufliche Tätigkeit neben dem Bezug einer (Teil-)Rente. In ähnlicher Weise ist bei Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen von positiven Effekten einer längeren Lebenserwartung auszugehen. Speziell durch GLP-1-RA sollte es zu einer gewissen Senkung der Mortalität und ins besondere auch zu einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit kommen (10). Umgekehrt stellt eine solche Senkung der Mortalität aus der Perspektive privater Rentenversicherungen möglicherweise eine Herausforderung wegen längerer Leistungszahlungen dar. Allerdings wird diese über die inzwischen oft mitversicherten Todesfallabsicherungen wie Rentengarantiezeiten abgemildert. Zudem gibt es konkret für GLP 1-RA wie oben ausgeführt mehrere Argumente (Kosten, Nebenwirkungen, ungeklärte Langzeitwirkung, derzeit hohe Abbruchraten), die nach derzeitigem Wissensstand eher gegen ausgeprägte, langfristig wirksame Effekte auf Rentenversicherungen sprechen.

Downloads

DAV_Journal_1_2026_Abnehmmedikamente.pdf
Michaela Kehren
michaela.kehren​@aktuar.de +49 (0) 221 912 554-235

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